Surfen in der Vergangenheit

Wie zarte Fenster in die Vergangenheit lassen Erinnerungen das Licht der Erlebnisse in unsere Seele fließen, während die Zeit unaufhaltsam voranschreitet und die Erinnerungen im Glanz der Unvergänglichkeit erstrahlen lässt.

meine erste Begegnung mit dem Tod

Gimbsheim, meine erste Begegnung mit dem Tod

 

Ich hatte es schon mitbekommen, mein Opa war sehr krank.

Oft kam der Arzt und hat ihm Spritzen gegen seine fortschreitende Zuckerkrankheit gegeben.

Später war es Morphium, wahrscheinlich gegen die Schmerzen.

Jedenfalls war mir damals mein Opa immer fremder geworden und ich sah ihn nur noch selten.

Meistens lag er auf einem Sofa in der Wohnstube. Die Tür zu der Wohnstube wurde immer sorgfältig zugemacht.

Ich denke, wir Kinder sollten diesen unglücklichen Anblick unseres Opas nicht sehen. Bewusst war ich mir allerdings dieser Situation nicht.

Jedenfalls so lange nicht, bis eines Tages meine Mutter kam, mich an die Hand nahm und an das Sofa führte, auf welchem mein Opa lag und tief schlief. Ich erinnere mich noch genau an sein tiefes Röcheln, was äußerst beängstigend auf mich wirkte. Meine Mutter knüpfte dem Opa das Hemd auf und rieb ihm seine Brust mit einer Salbe ein.

Anschließend gab sie mir einen feuchten Waschlappen und ich dürfte die Stirn meines Großvaters sanft abwischen.

Anschließend haben wir ihm noch mal auf die Stirn geküsst.

Meine Mutter erklärte mir, dass ich nun Abschied nehmen sollte von meinem Opa und dass er bald von oben aus dem Himmel auf uns herabschauen würde.

Mit ihren Worten konnte ich damals, als kleiner Junge, nichts anfangen. Aber ich spürte sehr wohl, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.

Vor allem meine Oma, meine Mutter und ihre Schwester waren sehr still und sehr traurig.

Es verging noch eine gewisse Zeit, vielleicht drei oder 4 Stunden, da teilte mir meine Mutter mit, dass der Opa jetzt gestorben ist.

Ich sah ihre Tränen in den Augen und auch ihre Schwester, meine Tante Hella, weinte bitterlich.

Ich selbst wurde dann hinüber zu unseren Nachbarn, der Familie Kleist geschickt. Auch dort wurde ich überaus freundlich und fürsorglich empfangen. Frau Kleist streichelte mir über den Kopf und versuchte mich zu trösten.

Ich muss gestehen, ich habe damals die Situation nicht verarbeiten können und auch nicht richtig erfasst. Ich war ja erst fünf Jahre alt und wusste gar nicht, was sterben bedeutet. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich eigentlich davon ausgegangen, dass man lebt und das für immer. Dass das Leben nur zeitlich begrenzt ist, habe ich eigentlich erst zu diesem Zeitpunkt erfahren.

So spielte ich relativ unbelastet mit meinem Freund Werner bei unseren Nachbarn.

Natürlich machte ich mir die Gedanken darüber, was das mit dem Tod wohl auf sich hatte.

Konnte es wirklich sein, dass unser Leben irgendwann mal beendet sein wird? Unvorstellbar!

Ich weiß noch genau, dass ich dies erst einmal verarbeiten musste.

Auch dass ich meinen Opa nun niemals wiedersehen würde, war für mich fast nicht erfassbar.

An die genauen Geschehen nach dem Ableben meines Großvaters erinnere ich mich nicht mehr genau.

Nur noch, dass das große Hoftor geöffnet wurde und direkt vor dem Hoftor eine schwarze Kutsche hielt. Zwei Rappen waren da vorgespannt und mit weißen Rosen geschmückt. Auf die Ladefläche der Kutsche wurde der Sarg meines Großvaters abgestellt und ebenfalls mit Blumen und Grenzen geschmückt.

Nun gingen wir Kinder mit unseren Eltern stillschweigend hinter der Kutsche her, die sich zum Friedhof hin sehr gemächlich rollte.

Ich war sehr beeindruckt von den vielen Menschen, die alle, in schwarz gekleidet, uns bis zum Friedhof und an das Grab begleiteten.

Meine Erinnerung geht nur bis dahin. Ich weiß nicht mehr, was anschließend stattgefunden hat und kann mich auch nicht mehr an den sogenannten Leichenschmaus erinnern.

Für mich hat eine neue Ära mit meiner Großmutter begonnen. Der Großvater war nicht mehr da und ich durfte in den Erinnerungen eintauchen und damit in all seinen ehemaligen Habseligkeiten suchen.

Meine Großmutter ließ mich gerne gewähren, denn alles was ich von meinem Großvater hervorzauberte, war auch für sie ein Stück Erinnerung. Sie ließ es sich deshalb nie nehmen, zu den erinnerungswürdigen Fundstücken auch die entsprechenden Geschichten zu erzählen.

Für mich war der Tod meines Großvaters ein gravierendes Ereignis, nicht nur, weil ich um ihn getrauert habe, sondern auch, weil ich mir das erste Mal bewusst wurde, dass wir Menschen nur eine gewisse Zeit auf dieser Erde sind.