Surfen in der Vergangenheit

Wie zarte Fenster in die Vergangenheit lassen Erinnerungen das Licht der Erlebnisse in unsere Seele fließen, während die Zeit unaufhaltsam voranschreitet und die Erinnerungen im Glanz der Unvergänglichkeit erstrahlen lässt.

 Ein Tag, der nach Wald roch

Meine Schwester Carmen und ich gerieten jedes Mal in eine leise, kaum zu bändigende Aufregung, sobald ein Ausflug in den Odenwald angekündigt war.

Es war diese besondere Mischung aus Vorfreude und Ahnung, dass uns wieder ein ganzer Tag voller Bilder erwartete, die man nicht vergisst.

Die Reise begann stets am Stadtfriedhof Darmstadt.

Unser Vater parkte vor einer kleinen Gärtnerei, gleich gegenüber der hohen Mauer, die den Friedhof umschloss.

Durch das große Portal traten wir ein und für mich begann dort ein eigenes kleines Wunder.

Überall huschten Eichhörnchen, rote und schwarze, flink und aufmerksam. Wir hatten Nüsse dabei, nur für sie.

Vorsichtig legten wir sie ab und warteten. Manchmal kamen sie näher, manchmal blieben sie misstrauisch.
Allein dieses Beobachten machte uns glücklich.

Den Weg zu den Gräbern unserer Großeltern kannten wir Kinder genau. Während unsere Eltern sich der Grabpflege widmeten, standen wir daneben, stiller als sonst.

Besonders meinen Vater beobachtete ich dabei.
Er war zwar Atheist, doch an diesem Ort lag etwas Ernstes in seinem Gesicht.
Der Gang zu den Gräbern seiner Eltern und seiner Schwester bedeutete ihm mehr, als er je ausgesprochen hätte.

Nach dem Friedhof führte uns der Ausflug  weiter in Richtung Odenwald.

Meist hielt unser Vater den kleinen Lloyd 400 am Rand eines Ortes bei Bensheim an.
Von dort ging es zu Fuß durch den Wald, zwei oder drei Kilometer, immer tiefer hinein, bis wir das legendäre Fürstenlager erreichten.

Schon die kleine Brücke über den Teich mit den Goldfischen war für uns ein Höhepunkt.

Das Fürstenlager wirkte wie ein Park aus einer anderen Welt.
Exotische Bäume standen dort, jeder mit einem kleinen Schild versehen, auf dem man lesen konnte, aus welchem Land er stammte.
Wir liefen die Wege entlang, hielten an, schauten, verglichen.
Jeder Baum hatte für uns einen eigenen Charakter.

Etwas erhöht lag die Voliere.
Für Carmen und mich war sie ein Ort reiner Freude.

Papageien spielten miteinander, riefen, flatterten, als gehörte ihnen die Welt. Wir lachten, staunten und vergaßen die Zeit.

Am Ende des Rundgangs kamen wir wieder zum Schloss zurück, vor dem ein Café lag.

Dort kehrten wir leider nie ein.
Meine Mutter fand den Kuchen wohl zu teuer.

Dafür gab es vor dem Schloss einen großen Weiher mit riesigen Goldfischen. Brotkrumen hatte sie extra eingepackt.

Wir warfen sie ins Wasser und sahen zu, wie die Fische gierig nach oben schnappten. Auch das war Teil unseres Rituals.

Oft führte uns der Ausflug danach weiter nach Auerbach.

Wir liefen an der Kirche vorbei und mein Vater erzählte, wie immer, dass unser Urgroßvater dort evangelischer Pfarrer gewesen sei und in dieser Kirche seine Predigten verfasst habe.

Kurz darauf erreichten wir durch einen kleinen Waldzugang den eigentlichen Höhepunkt für uns Kinder.

Den Eigenbrodts Brunnen.

Ein Brunnen mit unserem Familiennamen.

Wir standen davor mit einer Mischung aus Stolz und Ehrfurcht.

Meist wurde noch ein Foto gemacht. Dieses Bild gehörte einfach dazu.

Den Abschluss bildete fast immer ein Besuch bei Verwandten in Pfungstadt.

Die Erinnerung daran ist verschwommen, aber warm.

Ich weiß nur noch, dass sie freundlich waren und wir fürstlich bewirtet wurden.

So endete ein solcher Ausflugstag in die hessische Heimat meines Vaters. Für mich war es jedes Mal ein ganzer Kosmos aus Wegen, Geschichten, Gesichtern und Gerüchen. 

Und noch heute fühlt es sich an, als hätte dieser Tag länger gedauert als andere. 

Vielleicht, weil er so reich war an Leben.