Kindheit in Mainz, als die Eisenbahnbrücke bebte
Wenn ich heute an die Eisenbahnbrücke denke, sehe ich mich wieder als kleinen Jungen in der Mainzer Oberstadt.
Wir wohnten damals am Römerwall. Teile der Stadt lagen noch immer in Trümmern.
Zwischen beschädigten Häusern, leeren Grundstücken und den sichtbaren Wunden des Krieges begann für uns Kinder längst wieder ein neues Leben.
Die Eisenbahnbrücke jedoch stand noch. Unversehrt, mächtig und beinahe trotzig spannte sie sich über den Rhein. Ein Ausflug dorthin war für mich ein großes Abenteuer.
Gemeinsam mit meinen Eltern und meiner älteren Schwester liefen wir über den schmalen Fußweg an der Seite der Brücke. In der einen Hand hielt ich die große, sichere Hand meines Vaters, in der anderen die meiner Schwester. So gingen wir bis ungefähr zur Mitte und warteten.
Zunächst war nichts zu sehen. Nur der Wind strich über das Wasser und durch die schweren Stahlträger. Dann erschien in der Ferne eine dunkle Dampfwolke. Sie zog langgestreckt hinter der Lokomotive her und kam langsam näher.
Wenig später begannen die Schienen zu singen.
Erst war es nur ein leises Summen. Dann wurde daraus ein helles, vibrierendes Klingen, das durch die ganze Brücke lief. Mein Kinderherz schlug schneller. Ich wusste, gleich würde sie kommen.
Und dann war sie da.
Die Dampflokomotive raste nur wenige Meter von uns entfernt über die Gleise. Schwarz, gewaltig und fauchend schob sie sich an uns vorbei. Dampf quoll aus ihren Ventilen, die Räder hämmerten über die Schienen, und ihr schwerer Atem klang wie das Schnauben eines wütenden Drachen.
Für einen Augenblick gab es nur noch Lärm, Rauch und bebenden Stahl.
Doch die Lokomotive war erst der Anfang. Hinter ihr donnerten die schweren Personenwagen und Güterwaggons vorbei. Kupplungen schlugen, Räder klapperten, Fenster flogen an uns vorüber. Die ganze Brücke vibrierte unter unseren Füßen, als wollte sie sich von ihrer Last befreien.
Ich drückte die Hand meines Vaters fester und stand staunend da.
Heute würde man vielleicht von einem kleinen Ausflug sprechen. Für mich aber war es damals ein Ereignis von ungeheurer Größe. In jener fernen, ganz anderen Zeit brauchte es keine Freizeitparks und keine künstlichen Sensationen. Eine Dampflokomotive auf einer bebenden Eisenbahnbrücke genügte, um einem Kind das Gefühl zu geben, mitten in einem gewaltigen Abenteuer zu stehen.
