Warten auf Anita
Es war einer dieser legendären Nachmittage, an denen sich Regen, meine Pubertät
und Naivität zu einem Cocktail mischen, den man eigentlich nur in sehr kleinen
Schlucken zu sich nehmen sollte.
Ich war 14 Jahre jung, der Konfirmationsanzug war frisch gebügelt, den Stockschirm
schwang ich wie ein Gentleman und ich war König der Vorfreude und thronte seit
Punkt 12:00 Uhr an der windschiefen Bushaltestelle.
Die Mission klang simpel:
Freundin treffen, Romantik erleben, ihr Herz erobern.
Die Realität:
Tropfende Haltestelle, klatschnasse Schuhe und ein Telefonmaraton in der
letzten noch funktionierenden Telefonzelle des Ortes.
Alle zwanzig Minuten stopfte ich mechanisch 10 Pfennigmünzen in den Münzschlitz
– die 3 DM investierte ich mit der Inbrunst eines Börsenmaklers auf steigende
Aktien!
Klick, tut, tut…
„Bin schon unterwegs, gleich mit der nächsten Linie!“ hauchte sie mit feiner
Stimme, kaum lauter als der Regen auf dem Dach aus Wellblech.
Großartig!
Noch eine Linie, noch ein Ruf, noch ein „Gleich!“.
Während ich also langsam an der Haltestelle zur Parkstatue verkam, passierten
große Dinge:
- Mein
Schirm entwickelte ein Eigenleben und schnappte wie ein nervöses Krokodil
nach umherfliegenden Blättern.
- Mein
Anzug sog so viel Regenwasser auf, dass ich beim Heimweg auf ebenem
Asphalt leise gurgelnde Geräusche machte.
- Die
Münzvorräte der örtlichen Sparkasse verlagerten sich – quasi in Echtzeit –
in die Kassen der Deutschen Telekom.
Irgendwann, gegen 18:00 Uhr, riss der Vorhang aus
romantischer Illusion endgültig.
Die letzte Buslinie des Tages verschwand ohne die Hauptdarstellerin meines
Teenie-Dramas, und mir dämmerte: Hier wurde nicht „gleich“ gesagt – hier wurde
schlichtwegs „ gar nicht“ gesagtund das in einer dümmlichen Ausrede in
Endlosschleife.
Frustriert trabte ich nach Hause, tropfend wie
ein nasser Pudel, hängte meinen Konfirmationsanzug an den Kleiderbügel und
klappte den Stockschirm wie ein finales Ausrufezeichen zu.
Aber ich hatte etwas gelernt!
Wer nicht kommt, kommt nicht – und wer sechs Stunden im Nieselregen sitzt,
lernt drei Dinge fürs Leben:
- Ein Herz
kann man nur brechen, wenn man es vorher freiwillig in die Hand des
Falschen legt.
- 2 DM in
der Telefonzelle sind billiger als weitere sechs Stunden Selbsttäuschung.
- Das passiert
mir nie wieder!
Seitdem weiß ich:
Buslinien mögen sich verspäten,
aber mein gesunder Menschenverstand wird zukünftig immer pünktlich sein – spätestens fünf Minuten
nach dem dritten „Ich bin gleich da“, aber wirklich „spätestens“!