Surfen in der Vergangenheit

Wie zarte Fenster in die Vergangenheit lassen Erinnerungen das Licht der Erlebnisse in unsere Seele fließen, während die Zeit unaufhaltsam voranschreitet und die Erinnerungen im Glanz der Unvergänglichkeit erstrahlen lässt.

1960 Klickerspiele

Klickerspiele

1960 war eine Zeit, da waren Spielzeuge für uns Kinder noch relativ rar. Die Erwachsenen hatten zu dem Zeitpunkt noch keine Muse, uns Kindern die entsprechende Vielfalt an Spielzeug zur Verfügung zu stellen. So machten wir aus der Not eine Tugend und spielten mit den wenigen Dingen, die uns zur Verfügung gestellt wurden. Unter anderem waren das auch die Murmeln (Klicker). Die Gassen  waren damals noch weich, matschig und mit Pfützen übersät. Nur sehr wenige Straßen waren asphaltiert. Im Frühling, nach der Schlittenzeit, begann dann die Zeit des Murmelspielens.

In der ersten Zeit waren mir persönlich nur die sogenannten „Mehlferz“ bekannt. Das waren Murmeln, die wohl aus Gips hergestellt worden sind. Sie waren bunt angemalt, es gab blaue, grüne, rote, schwarze, gelbe. Soweit ich mich erinnere, hatten sie auch unterschiedliche Größen. Jede Farbe und jede Größe hatte einen eigenen Wert, von ganz niedrig bis sehr wertvoll. So konnte es sein, dass ein großer Klicker mit einer bestimmten Farbe so wertvoll war wie zehn kleine einer anderen Farbe.

Das Spiel bestand nun darin, dass eines von uns Kindern mit der rechten Ferse seines Schuhs ein ordentliches Loch in einen Sandweg oder irgendwo am Straßenrand eindrehte. Ein paar Mal schnell um die eigene Achse gedreht und fertig war das Klickerloch.

Dieses Loch wurde nun erst mal gründlichst begutachtet, dann entsprechend vergrößert und von umliegenden Ästchen und Steinchen gereinigt. Danach wurde mit Schritten einen Abstand zu dem „Klickerloch“ festgelegt. Der Abstand wurde von den Kindern vorher festgelegt und richtete sich in der Regel nach den persönlichen Fähigkeiten der Kindergruppe. So gab es Anfänger, deren Distanz zu dem Loch war natürlich wesentlich geringer wie die der sogenannten „Experten“.


Als Erstes wurde die Anzahl Murmeln pro Spieler ausgemacht.

Danach wurde die Spielreihenfolge festgestellt. Dazu warf jeder einen Klicker in oder möglichst nahe an das Loch. Der Spieler, der in das Loch traf oder dessen Kugel am dichtesten an dem Loch liegengeblieben war, durfte beginnen. Hatten mehrere Spieler in das Loch getroffen, wurde unter diesen ein weiterer Durchgang erforderlich, bis die Reihenfolge feststand.

Alle Kinder fingen nun an, ihre Murmeln in das Loch zu werfen. Dabei trafen viele das Loch selbst, aber viele fielen auch daneben, was eigentlich immer normal war.

Nun war wieder der Anfangsspieler dran. Die Murmeln, die jetzt neben dem Loch lagen, mussten von der Stelle, wo sie jetzt liegen geblieben waren, mit dem Zeigefinger in das Loch geschubst werden. Die Regeln mussten strikt eingehalten werden.

Ein Übertreten der Abwurflinie war genauso verboten wie das zu starke Überbeugen. Jedes Kind konnte nun hintereinander seine Klicker werfen. Dabei war es erlaubt, mit seinem Klicker einen anderen Klicker wegzuschießen, ähnlich wie bei dem französischen Boule.

Dabei durfte man die Kugel mit dem angewinkelten Zeigefinger nur kurz an schnipsen und nicht etwa schieben. Landete eine Murmel dabei im Loch, konnte der Spieler mit der nächsten Murmel fortfahren und durfte so lange weiterspielen, bis alle Murmeln im Loch gelandet waren. Es gab jedoch nur einen Versuch pro Murmel.
Auch das einmalige Berühren des Klickers galt als ausgeführt und durfte nicht wiederholt werden.

Wurde das Loch verfehlt, war der nächste Spieler dran. Das Kind, das am Ende die letzte Murmel in das Loch schnipste, besaß nun alle Murmeln, die im Loch lagen. Bei diesem Spiel  ging es lediglich darum, seine Kugeln in das Loch zu werfen. Landeten alle Kugeln im Loch, hatte der letzte Werfer gewonnen und durfte alle Kugeln herausnehmen und behalten.

Das Einschnippsen der einzelnen Klicker wurde deshalb von der Gruppe genauestens beobachtet und ein Regelverstoß wurde mit dem Entzug der eingesetzten Klicker bestraft.
Vorauszuschicken ist noch, dass ein wertvoller Klicker durch einen einfachen Klicker erobert werden konnte. Das war auch Sinn der ganzen Sache, aus wenig viel zu machen.

Später kamen noch die wunderschönen Glasklicker hinzu und ersetzten innerhalb von wenigen Jahren die Gipsklicker/Lehmklicker komplett.

Die Klicker wurden in einem Strumpf aufgehoben, manch einer hatte auch ein Klicker-Säckchen. Je schwerer dies war, umso größer war der persönliche Reichtum. Stolz wurde ab und zu das ganze Repertoire gezeigt und teilweise war es auch üblich, zu tauschen. Das alles nur aus meiner Erinnerung, es mag sein, dass einiges bei mir vergessen worden ist oder es sich bei anderen Kindern etwas anders zugetragen hat.

Es war eine schöne Zeit und ich werde noch einige Dinge zu erzählen haben, die mich an meine Kindheit erinnern und die schönen Spiele, die wir ohne Hilfsmittel miteinander geteilt haben.